Nassauer Gespräche

05.05.1989: Kurhotel Provinzial
Bad Waldliesborn

Stadt und Gesundheit -
Zum Wandel von "Volksgesundheit" und kommunaler Gesundheitspolitik im 19. und frühen 20. Jahrhundert
  

Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Jürgen Reulecke und PD Dr. Adelheid Gräfing zu Castell Rüdenhausen


Die traditionsreiche neuere deutsche Stadtgeschichtsforschung hat in den letzten zwei Jahrzehnten ihr Gesicht erheblich verändert: Nicht mehr die einzelne Stadt als "Individualität", sondern die Bedeutung der Städte - vor allem ihre impulsgebende Leistung - für die rasche "Modernisierung" und "Urbanisierung" der Gesamtgesellschaft steht im Mittelpunkt des Interesses. Ein wichtiger Teilaspekt ist in diesem Kontext die Frage, in welcher Weise das Bürgertum als die entscheidende gestaltende Kraft des 19. Jahrhunderts die Stadt als ein zentrales Handlungsfeld wahrgenommen, wie es auf die Herausforderungen der vorwiegend von der Industrie angestoßenen Verstädterung reagiert und welche Weichen mit welchen Wirkungen es inbesondere im Bereich der Lebensverhältnisse der Stadtbevölkerung gestellt hat. die Beantwortung dieser Frage ist deshalb von großer Bedeutung, weil inzwischen klar geworden ist, daß von den spezifischen Erfahrungen mit dem "Sozialen" in den Städten entscheidende Anstöße zur Entstehung jenes sozialstaatlichen Denkens ausgegangen sind, das dann die Grundlage sowohl für die Sozialpolitik der Weimarer Republik als auch - in erweiterter Form - der Bundesrepublik liefern sollte. Die Frage nach den Handlungsspielräumen und -kompetenzen der kommunalen Selbstverwaltung, insbesondere die Frage nach ihrem Krisenbewältigungspotential angesichts ihrer Nähe zu den konkreten Lebensbedingungen "vor Ort", spielte ja nicht zufällig auch eine bedeutsame Rolle im Umformungsprozeß der ehemaligen DDR.

 

Das 4. Nassauer Gespräch bot die Möglichkeit, einen von Historikern bisher stark vernachlässigten Teilbereich der modernen Stadt- und Urbanisierungsgeschichte interdisziplinär und auch im internationalen Vergleich zu diskutieren. Es gelang, in den Referaten und Diskussionsbeiträgen das Thema "Stadt und Gesundheit" sehr breit und anregend im Kontext allgemeinerer sozial-, bevölkerungs-, medizin- und ökologiegeschichtlicher Fragestellungen zu behandeln. Die beiden wissenschaftlichen Leiter und Herausgeber der Publikation waren über das Zustandekommen und die Ergebnisse des Symposiums deshalb noch zusätzlich besonders erfreut, weil sie wichtige Impulse und z.T. auch korrigierende Einsichten für ein längerfristiges Forschungsprojekt gewannen, das beide im Rahmen des Schwerpunktprogramms "Die Stadt als Dienstleistungszentrum" der Deutschen Forschungsgemeinschaft bearbeiteten.

(Auszug aus dem Vorwort zum Tagungsband)

 

 

Programm

Einleitung

Von der "Hygienisierung" der Unterschichten zur kommunalen Gesundheitspolitik

Prof. Dr. Jürgen Reulecke (Siegen)


Sektion I: Zur Entwicklung der städtischen Gesundheitsverhältnisse und des medizinisch-hygienischen Diskurses


Die Entwicklung der (groß-)städtischen Gesundheitsverhältnisse in der Epoche des Demographischen und Epidemologischen Übergangs

Dr. Jörg Vögele (Konstanz)

Experimentelle Hygiene, Bakteriologie, soziale Hygiene: Konzeptionen, Interventionen, soziale Träger - eine idealtypische Übersicht
Prof. Dr. Alfons Labisch (Kassel)

 

Sektion II: Städtische Umwelt  und stadtplanerische Eingriffe?

Stadtluft, Luftverschmutzung und Luftreinhaltung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Dr. Franz-Josef Brüggemeier (Hagen)


Stadthygiene und Städtebau. Am Beispiel der Debatten im Deutschen Verein für öffentliche Gesundheitspflege 1869-1911
Dr. Juan Rodriguez-Lores (Aachen)


Kommunaler Umweltschutz in Preußen (1900-1933): Verengung auf Vollzug durch wissenschaftliche Beratung?

Dr. Engelbert Schramm (Frankfurt am Main) 

Die zweifache Intervention der Städte. Stadtplanerische Zukunftsgestaltung und Kontrolle der Wohnverhältnisse um 1900
Dr. Stefan Fisch (München)

 

Degeneration und öffentliches Gesundheitswesen 1900-1930: Wohnverhältnisse
Dr. Paul Weindling (Oxford, UK)


Sektion III: Gesundheitsfürsorge im Rahmen der öffentlichen Daseinsvorsorge

 

Über den Schmutz. Überlegungen zur Konzeptionierung von Gesundheitsgefahren

Dr. Gerd Göckenjan (Bremen) 

Die Polizei und die "Reinhaltung der Gegend": Prostitution und Sittenpolizei im Wuppertal im 19. und im frühem 20. Jahrhundert
Dr. Herbert Reinke (Düsseldorf)

 

Am Rande. Zur Auslagerung industrieller Pathogenität aus kommunaler Gesundheitspolitik um die Jahrhundertwende
Dr. Dietrich Milles (Bremen)


"Gesunde Jugend" - "gesunde Stadt"

Dr. Axel Schildt (Hamburg) 

Zwischen Krankenhaus und Pflegeheim: Anstaltsfürsorge für ältere Menschen am Beispiel Köln, 1900-1933
Christoph Conrad (Berlin)

 

Die Bürokratie und das Entstehen von Krankheit
Greg A. Eghigian (Chicago, USA)

 

Außenseiter im Gesundheitswesen? Zur Entwicklung einer "medical profession" in der englischen Provinz Durham 1840-1914

Michael Seid (Tübingen) 

Volk und Gesundheit im Verein:. Städtische Gesundheitsvereine von 1880-1933
Prof. Dr. Gunnar Stolberg (Bielefeld)


Sektion IV: Fortpflanzungshygiene und qualitative Bevölkerungspolitik


Sozialhygiene und Sexualreform

Dr. Johanna Geyer-Kordesch (Glasgow, UK) 

Die Stellung der Empfängnisverhütung in der Weimarer Gesundheits- und Bevölkerungspolitik
Dr. Cornelia Usborne (London, UK)

 

Die Sexualberatungsstellen der Weimarer Republik. Auf dem Weg zu einer neuen Sexualmoral
Kristine von Soden (Wiesbaden)


Geburten- und Sexualpolitik in der Weimarer Republik am Beispiel des § 218
Vera Neumann (Essen)

 

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